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Wissen · Persönlichkeit

Neurotransmitter und Charakter

Warum reagieren Menschen so unterschiedlich auf dasselbe Leben? Die Persönlichkeitspsychologie beschreibt diese Unterschiede mit den Big Five, die Neurobiologie fragt nach den Botenstoffen dahinter – Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, GABA.

Dieser Beitrag fasst zusammen, was Studien dazu zeigen – und wo die Grenzen des Wissens liegen. Lesezeit ca. 8 Minuten, 11 Quellen.

Kurz gesagt
Big FiveDas am breitesten untersuchte Persönlichkeitsmodell, bestätigt in Selbst- und Fremdurteilen [1].
Rund 40 % erblichSo viel der Unterschiede zwischen Menschen erklären Zwillingsstudien im Mittel genetisch [2].
Keine FormelBotenstoffe hängen mit Persönlichkeitszügen zusammen – indirekt, nicht als „Botenstoff = Charakter" [4].
VeränderbarPersönlichkeit bleibt über das Leben formbar, auch durch gezielte Interventionen [6].
01 · Modell

Die Big Five – fünf Dimensionen der Persönlichkeit

Jeder Mensch liegt auf jeder Dimension irgendwo zwischen zwei Polen. Es gibt keine guten oder schlechten Ausprägungen – nur unterschiedliche, die je nach Situation Vor- und Nachteile haben.

Die fünf Dimensionen der Big Five mit Beschreibung und Gegenpol
DimensionBeschreibtGegenpol
Offenheit für ErfahrungenNeugier, Fantasie, Interesse an NeuemVorliebe für Vertrautes und Bewährtes
GewissenhaftigkeitOrdnung, Zielstrebigkeit, Verlässlichkeitspontan, flexibel, weniger planend
ExtraversionGeselligkeit, Aktivität, Suche nach Anregungzurückhaltend, ruhig, eher für sich
VerträglichkeitMitgefühl, Kooperation, Vertrauenkritisch, wettbewerbsorientiert
NeurotizismusNeigung zu Anspannung, Sorge, Stimmungsschwankungenemotional stabil, gelassen

Die Dimensionen hängen mit Lebensbereichen zusammen: Eine quantitative Übersichtsarbeit fand einen kleinen, aber stabilen Zusammenhang zwischen Gewissenhaftigkeit und längerer Lebensdauer [7]. Solche Befunde beschreiben Tendenzen in großen Gruppen, keine Vorhersage für einzelne Menschen.

02 · Botenstoffe

Was Neurotransmitter im Nervensystem tun

Neurotransmitter übertragen Signale zwischen Nervenzellen. Einige werden in der Persönlichkeitsforschung besonders häufig diskutiert, weil sie an Motivation, Stimmung und Stressverarbeitung beteiligt sind. Zu jedem messbaren Wert führt der Link auf die zugehörige Biomarker-Seite.

Wichtig beim Lesen Die Zuordnungen stammen aus Theorien und Studien an Gruppen. Ein einzelner Botenstoff „macht" keinen Charakterzug, und aus einem Persönlichkeitsmerkmal lässt sich kein Botenstoffspiegel ableiten.
Fünf Botenstoffe rund um die Persönlichkeit Schema: Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, GABA und Oxytocin sind kreisförmig um das Wort Persönlichkeit angeordnet. Die Anordnung ist ein Schema, keine Mengenangabe. IM MODELL Persönlichkeit Dopamin Serotonin Noradrenalin GABA Oxytocin
Schema, keine Mengenangabe: die fünf Botenstoffe, die in Persönlichkeitsmodellen am häufigsten genannt werden.
Neurotransmitter, ihre Aufgabe im Nervensystem und die Persönlichkeitsmerkmale, mit denen sie in Modellen diskutiert werden
BotenstoffAufgabe im NervensystemIn Modellen diskutiert mit
DopaminBiomarkerBelohnungslernen, Antrieb, BewegungssteuerungExtraversion, Offenheit [4]
SerotoninBiomarkerStimmung, Impulskontrolle, Schlaf-Wach-RhythmusNeurotizismus, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit [4]
NoradrenalinBiomarkerWachheit, Aufmerksamkeit, StressreaktionÄngstlichkeit, Stressreaktivität [3]
GABABiomarkerwichtigster hemmender Botenstoff, dämpft ErregungÄngstlichkeit [3]
OxytocinHormon und Botenstoff, beteiligt an sozialer Bindungsoziales Verhalten, Vertrauen – bislang vor allem als Hypothese
Ein frühes Modell

Cloninger (1987): drei Temperamente, drei Botenstoffsysteme

Der Psychiater Robert Cloninger ordnete drei Temperamentsdimensionen je einem Botenstoffsystem zu [5]. Das Modell war einflussreich; spätere Genetik- und Bildgebungsstudien bestätigten die einfache Eins-zu-eins-Zuordnung nur teilweise.

Temperamentsdimensionen nach Cloninger und das jeweils zugeordnete Botenstoffsystem
TemperamentsdimensionZugeordnetes System
Neugierverhalten Novelty SeekingDopaminBiomarker
Schadensvermeidung Harm AvoidanceSerotoninBiomarker
Belohnungsabhängigkeit Reward DependenceNoradrenalinBiomarker
03 · Anlage und Umwelt

Ist Persönlichkeit angeboren oder erlernt?

Eine Meta-Analyse über zahlreiche Zwillings- und Familienstudien kommt auf eine durchschnittliche Erblichkeit der Persönlichkeit von rund 40 % [2]. Der übrige Anteil verteilt sich auf Umwelteinflüsse, individuelle Erfahrungen und Messungenauigkeit.

Erblichkeit beschreibt Unterschiede innerhalb einer Gruppe. Sie sagt nicht, dass 40 % der Persönlichkeit eines einzelnen Menschen „aus den Genen" stammen.

Einzelne Genvarianten wurden intensiv untersucht, etwa 5-HTTLPR im Serotonin-Transporter-Gen. Eine Meta-Analyse fand nur kleine, je nach Fragebogen uneinheitliche Zusammenhänge mit ängstlichkeitsbezogenen Merkmalen [8]. Die Umwelt wirkt über Beziehungen, Erfahrungen und anhaltende Belastung: Soziale Einflüsse und Stress können die Neuroplastizität verändern [9].

Erblichkeit · Mittelwert Erblichkeit der Persönlichkeit Ringdiagramm: etwa 40 Prozent der Persönlichkeitsunterschiede genetisch erklärt, etwa 60 Prozent durch nicht-genetische Einflüsse und Messungenauigkeit. ca. 40 % GENETISCH
ca. 40 % genetisch erklärte Unterschiede ca. 60 % Umwelt, Erfahrungen, Messungenauigkeit Nach Vukasović & Bratko 2015 [2]
04 · Veränderbarkeit

Kann sich die Persönlichkeit verändern?

Persönlichkeitsmerkmale sind über Jahre recht stabil, aber nicht unveränderlich. Eine systematische Übersichtsarbeit über 207 Studien fand, dass sich Merkmale im Rahmen von Interventionen – überwiegend psychotherapeutischer Art – messbar verändern; am deutlichsten die emotionale Stabilität [6].

05 · Biochemie

Woraus Botenstoffe entstehen

  1. TyrosinL-DopaDopaminNoradrenalin
  2. Tryptophan5-HTPSerotonin
  3. GlutamatGABA

An mehreren Schritten ist Vitamin B6 (Pyridoxalphosphat) Cofaktor. Wie viel Serotonin im Gehirn entsteht, lässt sich nicht über einzelne Lebensmittel steuern: Tryptophan konkurriert beim Übertritt ins Gehirn mit anderen Aminosäuren [10][11].

06 · Grenzen

Was sich daraus nicht ableiten lässt

  • Persönlichkeit lässt sich nicht an einem einzelnen Laborwert ablesen.
  • Die beschriebenen Zusammenhänge gelten für Gruppen, nicht für den Einzelfall.
  • Anhaltende Antriebslosigkeit, Ängste oder Stimmungstiefs haben viele mögliche Ursachen und gehören in ärztliche oder psychotherapeutische Abklärung.
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Häufige Fragen

Fragen und Antworten zu Neurotransmittern und Persönlichkeit

Welche Neurotransmitter hängen mit der Persönlichkeit zusammen?

In der Persönlichkeitsforschung werden vor allem Dopamin, Serotonin, Noradrenalin, GABA und Oxytocin diskutiert. Dopamin wird mit Extraversion und Offenheit in Verbindung gebracht, Serotonin mit emotionaler Stabilität, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit, Noradrenalin und GABA mit Ängstlichkeit. Die Zusammenhänge stammen aus Studien an Gruppen und sind indirekt – ein einzelner Botenstoff bestimmt keinen Charakterzug.

Ist Persönlichkeit angeboren oder erlernt?

Beides. Eine Meta-Analyse von Zwillings- und Familienstudien schreibt im Mittel rund 40 % der Persönlichkeitsunterschiede genetischen Faktoren zu. Der übrige Anteil entfällt auf Umwelt, individuelle Erfahrungen und Messungenauigkeit. Erblichkeit beschreibt Unterschiede in einer Gruppe, nicht den Anteil der Gene an der Persönlichkeit eines einzelnen Menschen.

Was sind die Big Five?

Die Big Five sind das am breitesten untersuchte Modell der Persönlichkeitspsychologie. Es beschreibt Persönlichkeit mit fünf Dimensionen: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Jeder Mensch liegt auf jeder Dimension zwischen zwei Polen.

Kann sich die Persönlichkeit im Laufe des Lebens verändern?

Ja. Persönlichkeitsmerkmale sind über Jahre recht stabil, aber nicht unveränderlich. Eine systematische Übersichtsarbeit über 207 Studien fand messbare Veränderungen im Rahmen von Interventionen, überwiegend psychotherapeutischer Art – am deutlichsten bei der emotionalen Stabilität.

Was besagt das Modell von Cloninger?

Robert Cloninger ordnete 1987 drei Temperamentsdimensionen je einem Botenstoffsystem zu: Neugierverhalten dem Dopamin, Schadensvermeidung dem Serotonin und Belohnungsabhängigkeit dem Noradrenalin. Das Modell war einflussreich, spätere Studien bestätigten die Eins-zu-eins-Zuordnung aber nur teilweise.

Lässt sich Persönlichkeit mit einem Laborwert messen?

Nein. Persönlichkeit lässt sich nicht an einem einzelnen Laborwert ablesen. Neurotransmitter-Profile messen Botenstoffe und ihre Stoffwechselprodukte im Urin und liefern Stoffwechselwerte, keine Aussage über Persönlichkeitsmerkmale. Die Einordnung von Laborwerten gehört zu einer Behandlerin oder einem Behandler.

Erhöhen tryptophanreiche Lebensmittel das Serotonin im Gehirn?

Nicht verlässlich. Tryptophan ist die Vorstufe von Serotonin, konkurriert beim Übertritt ins Gehirn aber mit anderen Aminosäuren aus derselben Mahlzeit. Eine Übersichtsarbeit kommt deshalb zu dem Ergebnis, dass tryptophanreiche Lebensmittel den Serotoninspiegel im Gehirn nicht zuverlässig anheben.

Welche Rolle spielt Vitamin B6 bei der Bildung von Neurotransmittern?

Vitamin B6 ist in seiner aktiven Form Pyridoxalphosphat Cofaktor mehrerer Enzyme, die Botenstoffe bilden – unter anderem bei der Umwandlung von L-Dopa zu Dopamin, von 5-HTP zu Serotonin und von Glutamat zu GABA.

Quellen

Wissenschaftliche Quellen

  1. McCrae RR, Costa PT. Validation of the five-factor model of personality across instruments and observers. J Pers Soc Psychol. 1987;52(1):81–90. doi:10.1037/0022-3514.52.1.81
  2. Vukasović T, Bratko D. Heritability of personality: A meta-analysis of behavior genetic studies. Psychol Bull. 2015;141(4):769–785. doi:10.1037/bul0000017
  3. Dong J, Xiao T, Xu Q et al. Anxious personality traits: Perspectives from basic emotions and neurotransmitters. Brain Sci. 2022;12(9):1141. doi:10.3390/brainsci12091141
  4. DeYoung CG. The neuromodulator of exploration: A unifying theory of the role of dopamine in personality. Front Hum Neurosci. 2013;7:762. doi:10.3389/fnhum.2013.00762
  5. Cloninger CR. A systematic method for clinical description and classification of personality variants. Arch Gen Psychiatry. 1987;44(6):573–588. doi:10.1001/archpsyc.1987.01800180093014
  6. Roberts BW, Luo J, Briley DA et al. A systematic review of personality trait change through intervention. Psychol Bull. 2017;143(2):117–141. doi:10.1037/bul0000088
  7. Kern ML, Friedman HS. Do conscientious individuals live longer? A quantitative review. Health Psychol. 2008;27(5):505–512. doi:10.1037/0278-6133.27.5.505
  8. Munafò MR, Freimer NB, Ng W et al. 5-HTTLPR genotype and anxiety-related personality traits: A meta-analysis and new data. Am J Med Genet B. 2009;150B(2):271–281. doi:10.1002/ajmg.b.30808
  9. Davidson RJ, McEwen BS. Social influences on neuroplasticity: Stress and interventions to promote well-being. Nat Neurosci. 2012;15(5):689–695. doi:10.1038/nn.3093
  10. Young SN. How to increase serotonin in the human brain without drugs. J Psychiatry Neurosci. 2007;32(6):394–399. PMC2077351
  11. Wurtman RJ. Nutrients that modify brain function. Sci Am. 1982;246(4):50–59. doi:10.1038/scientificamerican0482-50
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