Ein Asthma-Schub, ein entzündetes Gelenk, eine rheumatische Erkrankung – und plötzlich steht Cortison auf dem Rezept, manchmal für Wochen oder Monate. Cortison dämpft Entzündungen zuverlässig, und oft ist es genau das Richtige. Hast du dich dabei schon einmal gefragt, was es mit deinen Knochen und deinem Vitamin D macht?
Auf einen Blick
- Worum es geht: Cortison-Tabletten über Wochen oder Monate – was bedeutet das für Vitamin D, Calcium und die Knochen?
- Mögliche Ursachen: In den Mengen einer Therapie senkt Cortison die Calciumaufnahme im Darm, erhöht die Ausscheidung über die Niere und bremst den Knochenaufbau. Unter Cortison-Tabletten war ein sehr niedriger Vitamin-D-Wert etwa doppelt so häufig.
- Was du tun kannst: Das Bruchrisiko früh einschätzen lassen, Calcium und Vitamin D mit Fachleuten besprechen und neue Rückenschmerzen ärztlich abklären lassen. Setze ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
- Was sich messen lässt: 25-OH-Vitamin D im Blut als Ausgangswert; über die Knochen selbst gibt eine Knochendichtemessung in der Praxis Auskunft – als Bausteine, keine Diagnose.

Cortison und Vitamin D: Was im Körper passiert
Mit „Cortison“ sind im Alltag meist Glukokortikoide wie Prednisolon gemeint, die als Tabletten eingenommen werden. In körpereigenen Mengen regeln diese Hormone unter anderem den Knochenaufbau und den Umgang mit Calcium in Darm und Niere. In den höheren Mengen einer Therapie verändern sie dieselben Abläufe aber in eine ungünstige Richtung (PubMed 24622268):
- Der Darm nimmt weniger Calcium aus der Nahrung auf.
- Die Niere scheidet mehr Calcium aus.
- Die knochenaufbauenden Zellen arbeiten langsamer, der Knochenumbau gerät aus dem Gleichgewicht.
Vitamin D ist in diesem System ein zentraler Spieler, denn es steuert, wie viel Calcium der Darm aufnimmt. Zusätzlich wird diskutiert, dass Glukokortikoide den Abbau von Vitamin D im Körper beschleunigen (PubMed 17634462).
Vitamin-D-Mangel durch Cortison: Was Daten zeigen
Eine große Auswertung der US-Gesundheitserhebung NHANES mit über 22.000 Menschen fand: Unter denjenigen, die in den letzten 30 Tagen Cortison-Tabletten eingenommen hatten, hatten 11 Prozent einen sehr niedrigen Vitamin-D-Wert unter 10 ng/ml – bei den übrigen waren es 5 Prozent. Das Risiko für einen solchen Mangel war damit etwa doppelt so hoch, auch nach Berücksichtigung anderer Einflüsse (PubMed 21956424).
Noch wichtiger ist der Blick auf die Knochen. Eine Metaanalyse von 66 Studien zur Knochendichte und 23 Studien zu Brüchen zeigte: Das Bruchrisiko steigt schon in den ersten drei bis sechs Monaten der Einnahme deutlich an und sinkt nach dem Absetzen wieder. Ab mehr als 5 mg Prednisolon oder einer vergleichbaren Menge pro Tag nahm die Knochendichte messbar ab (PubMed 12378366). Setze ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
Woran man es merken kann – und wer besonders betroffen ist
Genau hier liegt das Tückische: Ein Vitamin-D-Mangel macht oft lange keine deutlichen Beschwerden. Bei ausgeprägtem Mangel beschreibt die Lehrbuchliteratur Knochenschmerzen, Muskelschwäche und eine erhöhte Neigung zu Stürzen (PubMed 17634462). Knochenschwund selbst verläuft meist still – häufig bis zu einem ersten Bruch, etwa eines Wirbelkörpers, der sich als plötzlicher Rückenschmerz oder Größenverlust zeigen kann.
Diese Zeichen beweisen nichts und können viele Ursachen haben. Neue Rückenschmerzen unter einer Cortison-Therapie gehören aber in jedem Fall ärztlich abgeklärt.
Die Leitlinie des American College of Rheumatology richtet sich an alle Erwachsenen, die länger als drei Monate mindestens 2,5 mg Prednisolon oder eine vergleichbare Menge täglich einnehmen. Für sie empfiehlt sie, das Bruchrisiko möglichst früh nach Beginn der Therapie einzuschätzen (PubMed 37845798). Ein höheres Risiko haben unter anderem:
- Menschen mit höherer Tagesdosis oder langer Einnahmedauer (PubMed 12378366)
- Frauen nach den Wechseljahren und ältere Menschen
- Menschen mit früheren Knochenbrüchen oder bekannter Osteoporose
- Menschen, die wenig ins Tageslicht kommen, zum Beispiel bei eingeschränkter Beweglichkeit
Bei Cortison-Sprays zum Inhalieren und bei Cremes gelangt meist deutlich weniger Wirkstoff in den Körper als bei Tabletten. Ob das bei dir eine Rolle spielt, hängt von Dosis, Fläche und Dauer ab – auch das ist eine gute Frage für das nächste Arztgespräch.

Calcium und Vitamin D bei Cortison: Kann man Cortison und Vitamin D zusammen einnehmen?
Ein Cochrane-Review fasste Studien zusammen, in denen Menschen unter Cortison Calcium und Vitamin D erhielten. Im Vergleich zu Calcium allein oder Placebo blieb die Knochendichte an der Lendenwirbelsäule und am Unterarm besser erhalten. Für Brüche ließ sich in den kleinen Studien kein sicherer Unterschied zeigen. Die Autoren sprachen sich dafür aus, zu Beginn einer Cortison-Therapie an Calcium und Vitamin D zu denken (PubMed 10796394).
Für Menschen mit mittlerem oder hohem Bruchrisiko empfiehlt die ACR-Leitlinie darüber hinaus eine knochenschützende medikamentöse Behandlung, über die gemeinsam entschieden wird (PubMed 37845798). Calcium und Vitamin D sind also ein Baustein, ersetzen aber keine Einschätzung des Bruchrisikos.
In den genannten Studien wurden Cortison, Calcium und Vitamin D gemeinsam eingesetzt; eine Wechselwirkung, die dagegen spricht, ist dort nicht beschrieben (PubMed 10796394). Wie viel Vitamin D und Calcium du brauchst, hängt aber von deinem Ausgangswert, deiner Ernährung und deinen anderen Medikamenten ab. Mehr ist nicht automatisch besser. Deshalb gehört die Frage nach der passenden Menge in ein Gespräch mit Fachleuten.
Messen statt raten: Vitamin D bestimmen
Der verlässlichste Weg, deinen Vitamin-D-Status zu kennen, ist eine Messung des 25-OH-Vitamin D im Blut. Mit dem Vitamin D3 Test nimmst du dafür zu Hause etwas Kapillarblut ab; ausgewertet wird im Partnerlabor, und du erhältst einen Ergebnisbericht. So hast du vor oder während einer längeren Cortison-Therapie einen Ausgangswert, mit dem du und deine Ärztin oder dein Arzt weiterarbeiten können. Welche weiteren Blutwerte sich lohnen können, zeigt der Überblick Welche Blutwerte sollte ich checken lassen?
Gut zu wissen: Der Calciumwert im Blut wird vom Körper sehr eng geregelt und bleibt oft normal, selbst wenn die Knochen Calcium verlieren. Über die Knochen selbst gibt deshalb eine Knochendichtemessung in der ärztlichen Praxis Auskunft, nicht der Calciumwert im Blut.
Was du mit Fachleuten besprechen kannst
- Wie lange und in welcher Dosis werde ich Cortison voraussichtlich einnehmen?
- Ist bei mir eine Einschätzung des Bruchrisikos oder eine Knochendichtemessung sinnvoll?
- Wie hoch ist mein Vitamin-D-Wert, und reicht meine Calciumzufuhr über die Ernährung?
- Brauche ich zusätzlich einen knochenschützenden Wirkstoff?
Für die Einordnung deines Vitamin-D-Wertes steht dir auch das ORY-Expertenteam zur Seite.
Kurz zusammengefasst
- Cortison-Tabletten verringern die Calciumaufnahme im Darm, erhöhen die Calciumausscheidung und bremsen den Knochenaufbau.
- Menschen unter Cortison haben in Bevölkerungsdaten etwa doppelt so oft einen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel.
- Das Bruchrisiko steigt bereits in den ersten Monaten der Einnahme.
- Calcium und Vitamin D gelten als Baustein; das Bruchrisiko sollte ärztlich eingeschätzt werden.
- Ein gemessener Vitamin-D-Wert ist eine sachliche Grundlage für das Gespräch.

Häufige Fragen
Kann man Cortison und Vitamin D zusammen einnehmen?
In Studien wurden beide gemeinsam eingesetzt, ohne dass eine Wechselwirkung beschrieben wurde, die dagegen spricht (PubMed 10796394). Die passende Menge Vitamin D solltest du anhand eines gemessenen Wertes mit deiner Ärztin oder deinem Arzt festlegen.
Führt Cortison zu einem Vitamin-D-Mangel?
Nicht zwangsläufig, aber häufiger: In der NHANES-Auswertung war ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel bei Menschen unter Cortison-Tabletten etwa doppelt so häufig (PubMed 21956424).
Warum sind Calcium und Vitamin D bei Cortison wichtig?
Weil Cortison die Calciumaufnahme im Darm senkt, die Ausscheidung über die Niere erhöht und den Knochenaufbau bremst (PubMed 24622268). Vitamin D steuert die Calciumaufnahme im Darm.
Kann man Cortison und Calcium zusammen einnehmen?
In den Studien des Cochrane-Reviews wurden Cortison und Calcium gemeinsam gegeben (PubMed 10796394). Weil Calcium die Aufnahme anderer Medikamente beeinflussen kann, lohnt sich ein kurzer Blick in deine gesamte Medikamentenliste mit der Apotheke oder Praxis.
Ab wann ist eine Vitamin-D-Prophylaxe bei Cortison ein Thema?
Die ACR-Leitlinie spricht von mehr als drei Monaten Einnahme mit mindestens 2,5 mg Prednisolon-Äquivalent täglich (PubMed 37845798). Da das Bruchrisiko bereits in den ersten Monaten steigt (PubMed 12378366), lohnt sich das Gespräch schon zu Beginn einer längeren Therapie.
Was ist mit Cortison-Salbe mit Vitamin D?
Das ist ein anderes Thema: Bestimmte Salben gegen Schuppenflechte kombinieren ein Cortison mit einem Vitamin-D-Abkömmling, der direkt auf die Haut wirkt. Sie dienen nicht dazu, den Vitamin-D-Spiegel im Blut zu verbessern.
Merke ich einen Vitamin-D-Mangel unter Cortison?
Oft nicht. Ein Mangel und beginnender Knochenschwund verlaufen häufig ohne deutliche Beschwerden (PubMed 17634462). Deshalb ist eine Messung aussagekräftiger als das eigene Gefühl.
Wichtiger Hinweis: Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Er dient der allgemeinen Information. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende dich bitte an deine Ärztin oder deinen Arzt. Setze ein verordnetes Medikament nicht ohne Rücksprache mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
Quellen
- Skversky AL, Kumar J, Abramowitz MK, Kaskel FJ, Melamed ML. Association of glucocorticoid use and low 25-hydroxyvitamin D levels: results from the National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES): 2001–2006. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(12):3838–3845. PubMed 21956424
- van Staa TP, Leufkens HG, Cooper C. The epidemiology of corticosteroid-induced osteoporosis: a meta-analysis. Osteoporos Int. 2002;13(10):777–787. PubMed 12378366
- Seibel MJ, Cooper MS, Zhou H. Glucocorticoid-induced osteoporosis: mechanisms, management, and future perspectives. Lancet Diabetes Endocrinol. 2013;1(1):59–70. PubMed 24622268
- Humphrey MB et al. 2022 American College of Rheumatology Guideline for the Prevention and Treatment of Glucocorticoid-Induced Osteoporosis. Arthritis Rheumatol. 2023;75(12):2088–2102. PubMed 37845798
- Homik J et al. Calcium and vitamin D for corticosteroid-induced osteoporosis. Cochrane Database Syst Rev. 2000;(2):CD000952. PubMed 10796394
- Holick MF. Vitamin D deficiency. N Engl J Med. 2007;357(3):266–281. PubMed 17634462

Share:
L-Thyroxin und Eisen, Calcium, Magnesium: Welcher Abstand sinnvoll ist – und was Kaffee und Frühstück damit zu tun haben
L-Thyroxin und Eisen, Calcium, Magnesium: Welcher Abstand sinnvoll ist – und was Kaffee und Frühstück damit zu tun haben